Die Denkweise des Automatisierers ablegen – Industrie 4.0 bei Schneider Electric

Schneider Electric ist globaler Spezialist für Energiemanagement und Automation – und damit auch für Industrie 4.0? Das wollte ich herausfinden und bin nach Marktheidenfeld gefahren. Wie also kann das Unternehmen seine Kunden konkret bei der Planung industrieller Anlagen unterstützen und die vernetzte Produktion Realität werden lassen?

Die Digitalisierung ist in vollem Gange und die Industrie macht sich mehr und mehr die Vernetzung von Maschinen zu Nutze. Intelligente Kommunikationsbausteine bieten heute bereits neue Möglichkeiten der Datenerfassung und -auswertung, um Prozesse zu optimieren und Kosten zu sparen. Dies beinhaltet die gesamte Automatisierungstechnik, ebenso wie auch den digitalen Wandel in der Energieverteilung. Bei Schneider Electric kommt gleich beides zusammen, vereint man doch alle Disziplinen unter einem Dach.
Marktheidenfeld, hier am Schneider Electric-Standort bin ich ­unterwegs auf den Spuren von Industrie 4.0. Denn auch hier ­verbindet sich in idealer Weise die Automatisierungstechnik mit den Themen aus der Energieverteilung, ist doch mitten im Spessart das internationale Headquarter für den Bereich Machine Solutions zuhause. Um herauszufinden, wie Industrie 4.0 schon im Unternehmen angekommen ist, treffe ich Jürgen Siefert, Vice President Industry OEM: „Wir haben schon im Jahr 1997 damit begonnen, erste Industrie 4.0-ready-Lösungen zu realisieren. So konnten wir damals mit dem Modbus TCP die Basis legen. Der offene Standard hat sich bis heute zu dem weltweit am meisten genutzten Ethernet-Protokoll entwickelt.“ Zur Jahrtausendwende besaßen also die ­SPSen bereits die ersten Ethernet-Module, über die Anlageninformationen in relationalen Datenbanken erfasst wurden. So war man einer der ersten Hersteller, der seine Steuerungen mit integrierten Web-Servern versehen hat. 2013 konnte mit der Markteinführung der Steuerung Modicon M580 ePAC Embedded Ethernet sogar bis in die Backplane erweitert werden. Auch befasst sich Schneider Electric seit fast 20 Jahren mit intelligenten, vernetzten Schaltanlagen und dem Energiemonitoring. „Für uns ist nur der Begriff Industrie 4.0 neu. Und wenn man auf die Entwicklungen der vergangenen Jahre schaut, dann ist dieser aktuelle Trend für uns keine Revolution, sondern eine Evolution, die uns noch viele Jahre beschäftigen wird“, erklärt Antonin Guez, Vice President Partner Projects & Buildings und Kollege von Jürgen Siefert.

Jürgen Siefert: „Schon seit 1997 haben wir Industrie-4.0-ready-Produkte.“
Jürgen Siefert: „Schon seit 1997 haben wir Industrie-4.0-ready-Produkte.“

Mehrwerte schaffen
Neben den schon lange realisierten Ethernet-basierten Lösungen steht für Schneider Electric vor allem die Vernetzung von Modulen, Produkten und Anlagen im Fokus. So soll der Anwender die Möglichkeit bekommen, wesentlich effizienter zu produzieren, aber auch Störungen und Probleme in seinen Prozessen früher zu erkennen. „Ziel ist es, mit Industrie 4.0-Ansätzen für den Kunden einen Mehrwert zu schaffen und es ihm in Zukunft zu ermöglichen, Vorgänge auszuwerten, die ihm bisher verwehrt blieben“, erklärt Jürgen Siefert. Um das zu erreichen, muss es zu einem kompletten Umdenken in den Unternehmen kommen. Nur so lässt sich Industrie 4.0 effizient machen und ein deutlicher Kostenvorteil erzielen. „Wir ­haben das bereits heute bei einigen Kunden realisiert. Ein gutes Beispiel stellt hier die Firma Mangelberger dar“, berichtet mir Michael Kuhnert, Director Sales & Marketing Industrie bei Schneider Electric. Die Mangelberger Elektrotechnik GmbH mit Sitz in Roth bei Nürnberg ist ein Lösungsanbieter für Gebäudeautomation mit Schwerpunkt in den Segmenten Retailer, Discounter und Fast-Food-Ketten. Eine Alleinstellung hat sich das Unternehmen insbesondere durch seine Dienstleistungen auf Basis selbst entwickelter Technologien für Internet-gestützte Fernwartung, Fernsteuerung, Energie-­Management und Smartmetering erarbeitet. Der Elektro- und Schaltanlagenbau ist eine tragende Säule bei Mangelberger. Für das dezentrale Sammeln von Daten in einer Cloud und deren weitere Verwendung wird jede Schaltanlage mit einer in Eigenregie ent­wickelten Kommunikationstechnologie ausgestattet, welche die Verbrauchs-, Referenzierungs- und Zustandsdaten aus dem Schaltschrank im Feld im XML-Format an eine Cloud liefert. Von dort kann Mangelberger weltweit online z. B. Strom-Messwerte und ­andere Messgrößen für einzelne, in einem Objekt befindliche Verbraucher abrufen. Mehr als 5000 mit der Technologie ausgerüstete Schaltanlagen-Systeme befinden sich bereits weltweit im Feld. „Zum Verteilen und Schalten von Energie kam nun Schneider Electric ins Spiel. In diesem Pilotprojekt möchten wir das Potenzial einer ­Industrie 4.0-Strategie in noch größerem Umfang ausschöpfen: ­Unser Ziel ist die automatisierte, robotergestützte Bestückung kompletter Schaltanlagen. Den Automatisierungs-Part übernehmen wir mit unserem umfassenden Programm für die Automatisierung kompletter Maschinen und Anlagen sowie mit unseren eigenen ­Engineering-Spezialisten“, berichtet Michael Kuhnert über das Projekt.
Während bei Mangelberger eine Betrachtung der Gesamtstrategie von hoher Bedeutung ist, fangen viele Unternehmen an, zunächst nur in Teilbereichen ihrer Produktion zu optimieren. Auch das ist letztlich ein gangbarer Weg, denn eine fertige Industrie 4.0-Lösung erwartet heute noch kein Kunde vom Hersteller oder Zulieferer. Eher gehen die Erwartungen in die Richtung, dass beide Seiten die anstehenden Aufgaben gemeinsam im Angriff nehmen. Und so war es auch in Roth. „Bei Mangelberger hat man erkannt, dass Indus­trie 4.0 kein Selbstzweck ist, sondern notwendig, um auch in ­Zukunft wettbewerbsfähig zu bleiben“, weiß Michael Kuhnert.

Antonin Guez: „Für uns ist die enge Zusammenarbeit mit dem Kunden wichtig.“
Antonin Guez: „Für uns ist die enge Zusammenarbeit mit dem Kunden wichtig.“

Allianzen bilden
Betrachtet man eine Studie der KfW, so wird man feststellen, dass erst 30% der Unternehmen überhaupt in den Kinderschuhen von Industrie 4.0 angekommen sind. Daher steht es für Schneider ­Electric außer Frage, sich so früh wie möglich mit den zukünftigen Technologien auseinanderzusetzen und mit Kunden oder auch Hochschulen Allianzen zu schließen. „Die Schlagzahl der Innova­tionen nimmt aber exponentiell zu. Mit Start-ups und kreativen Köpfen entstehen Innovationen, über die wir vor einem Jahr nicht mal nachgedacht haben. Daher müssen wir bei den technischen Innovationen dabei sein und in die notwendigen Kompetenzen ­investieren“, ist Jürgen Siefert überzeugt.
An diesem Punkt gehen aber die Welten für Schneider Electric deutlich auseinander. Kann man sich im Bereich der OEMs auf die sogenannten Early-Adopters konzentrieren, also die Unternehmen, die bereits konkrete Vorstellungen von der Umsetzung der Indus­trie-4.0-Strategie haben, so sieht die Welt der Energieverteilung noch etwas anders aus. „Natürlich haben wir ähnliche Erfahrungen aus unserem Bereich, wenn wir große Kraftwerke oder Stahlwerke betrachten. Gerade in der Energieverteilung und im Gebäude­management gibt es aber viele Unternehmen, die noch keine ­Vorstellungen von Industrie 4.0 haben. Umso wichtiger ist es für uns, diese Unternehmen an die Thematik heranzuführen und ­gemeinsam über die Bedürfnisse der Branche und deren Kunden zu diskutieren, um letztlich mögliche Kosteneinsparungen zu realisieren“, ist sich Antonin Guez sicher.

Thomas Matschke: „Easy-to-use heißt die Zukunft.“
Thomas Matschke: „Easy-to-use heißt die Zukunft.“

Bereit für Industrie 4.0
Auch die moderne Energietechnik muss kommunikations- und ­zukunftsfähig durch Schnittstellen zum Internet der Dinge sein. Um diese Anforderungen erfolgreich umzusetzen und einen effizienten Betrieb sowie aussagekräftiges Energiemanagement in Gebäuden, Data Centern und Fertigungsstätten zu gewährleisten, braucht es Innovationen auf allen Ebenen: angefangen bei Smart Panels bis hin zu Leistungsschaltern. Schneider Electric hat dazu den Masterpact MTZ vorgestellt. „Mit der neuen Generation von Leistungsschaltern reagieren wir auf die Herausforderungen der Digitalisierung und Industrie 4.0. Der komplett kommunikationsfähige und vernetzte Leistungsschalter ist Schutz- und Messgerät in einem und sorgt als Lösungsbaustein für Betriebsanalyse, Wartungsmanagement und Fehlerdiagnose für eine hohe Anlagenverfügbarkeit“, ­erklärt mir Thomas Matschke, im Team von Antonin Guez, zuständig für das Projektmanagement Schaltanlagensysteme. Die im Masterpact MTZ integrierte Kommunikationsfunktion ermöglicht es, die Energieeffizienz, Produktivität und Flexibilität zu steigern. Der offene Leistungsschalter kann an jedes Energie- oder Gebäudemanagementsystem angebunden werden und eignet sich so optimal zur ­Ergänzung von intelligenten Schaltanlagen. Eine integrierte Ethernet-Schnittstelle macht den Schalter netzwerk- und internetfähig. Auch besitzt er die Fähigkeit zur Selbstdiagnose in Echtzeit. „Der Masterpact MTZ ist auf jeden Fall bereit für Industrie 4.0, denn auch seine Bedienung lässt sich problemlos über ein Smartphone realisieren“, blickt Thomas Matsche stolz auf das neue Produkt. Und ­Antonin Guez fügt hinzu: „Wenn unsere Kunden heute in eine intelligente Anlage investieren, müssen sie sicher sein, dass die verwendeten Systeme auch den zukünftigen Anforderungen gerecht werden können. Mit dem Masterpact MTZ haben wir genau so ein Future-ready-Produkt entwickelt.“

Michael Kuhnert: „Software wird in Zukunft das wichtigste Industrie 4.0-Produkt sein.“
Michael Kuhnert: „Software wird in Zukunft das wichtigste Industrie 4.0-Produkt sein.“

Software ist die Zukunft
Wo aber liegt die wahre Zukunft von Industrie 4.0? Sind es dann noch die Produkte, die im Vordergrund stehen? Sind es die Lösungen? „Alle unsere Produkte sind bereits Industrie 4.0-ready. Nun machen wir uns Gedanken, wie wir die Softwarebausteine so optimieren können, dass der Kunde aus seinen vielen Daten die optimalen Schlüsse ziehen kann. Wichtigstes Industrie 4.0-Produkt wird also in Zukunft die Software sein“, ist sich Michael Kuhnert sicher. So ­beschäftigt Schneider Electric bereits heute sehr viele Software­entwickler und Mathematiker in seinen Teams, die mit den Kunden Lösungen entwickeln. „Mit der Denkweise eines Automatisierers kommen wir jedenfalls nicht weiter! Wir müssen neue Ideen ent­wickeln. Wir müssen querdenken“, so auch die Meinung von ­Jürgen Siefert.
Software und vor allem Apps werden auch für Thomas Matschke immer mehr zum Produkt. So wurde der Masterpact MTZ bereits als Plattform aufgebaut, die jede Menge Software bietet, die dem Anwender zu neuen Möglichkeiten verhilft. „Der Kunde kann so in seiner gewohnten Umgebung „Smartphone“ neue Dinge ausprobieren. App laden – loslegen. Easy-to-use heißt die Zukunft. So ­werden wir bei Schneider Electric immer mehr zum Software­engineer und können behaupten, dass wir hier schon einer der Top-Player im Markt sind.“

Enge Zusammenarbeit
Wie kann Schneider Electric seine Kunden konkret bei der Planung industrieller Anlagen unterstützen und die vernetzte Produktion Realität werden lassen? Das war meine Eingangsfrage heute hier in Marktheidenfeld. Ich durfte jede Menge über die Strategie des ­Unternehmens, das Zusammenspiel der verschiedenen Produkt­bereiche und über die ganzheitliche Betrachtung von Industrie 4.0 ­erfahren. Bei Schneider Electric hat man große Pläne und Ziele, aber wie die Zukunft genau aussieht, weiß natürlich auch hier noch niemand genau, auch nicht Antonin Guez: „Für uns ist daher die enge Zusammenarbeit mit den Kunden wichtig. Nur gemeinsam können wir Produkte, Software und natürlich auch notwendige ­Datensicherheit vorantreiben. Wenn wir dann noch die eigenen Softwarekompetenzen erhöhen, die wegweisenden Technologien wie Cloud-Lösungen ausbauen und mit etablierten Partnern zusammenarbeiten, werden wir auch das Vertrauen beim Kunden genießen. Das ist unser Ziel!“

www.schneider-electric.de

Servo-Drive steht für sicherheitsgerichtete Kommunikation
Servo-Drive steht für sicherheitsgerichtete Kommunikation
Der Altivar Prozess ist der erste Frequenzumrichter mit Embedded Services
Der Altivar Prozess ist der erste Frequenzumrichter mit Embedded Services
 Der Masterpact MTZ ist auf die Anforderungen von Industrie 4.0 vorbereiet
Der Masterpact MTZ ist auf die Anforderungen von Industrie 4.0 vorbereiet



 


Was bedeutet Industrie 4.0 für Schneider Electric?

Wo steht Schneider Electric aktuell bei den Entwicklungen rund um Industrie 4.0?

Guez: Heute haben wir bereits Innovationen auf allen Ebenen der Automatisierung, der Elektrotechnik, der Stromverteilung, dem Energiemanagement und der Software. Wir nennen das „Innovation@every level“. Das bedeutet, dass wir die relevanten Daten, zum richtigen Zeitpunkt, bei den richtigen Personen zur Verfügung stellen müssen. Es geht also um mehr als nur Big Data. Dazu müssen wir unsere Kunden in die Prozesse involvieren und sie motivieren, mit uns die notwendigen Schritte zu gehen.

Was braucht man dazu, um Erfolg zu haben?

Siefert: Industrie 4.0 heißt, die richtige Basis bei Hardware und Software zu liefern und diese gemeinsam mit dem Kunden in Lösungen umzusetzen. Um das zu schaffen brauchen wir die notwendigen Kompetenzen im eigenen Hause. Und die haben wir in der Automatisierung, als auch im Schaltanlagenbau. Wenn wir dann im Markt als ein Team auftreten, werden wir die Themen von Industrie 4.0 auch erfolgreich spielen können. Der Teamgeist beginnt dabei am Kopf des Unternehmens und zieht sich dann durch alle Abteilungen.

Denkt denn ein Automatisierer heute schon so weit, dass er auch die Energieverteilung seiner Anlage im Blick hat?

Guez: Leider noch viel zu wenig. Wir müssen ihm daher die Vorteile aufzeigen, die wir gemeinsam erreichen können. So ist es z. B. möglich, über die Analyse der Stromverbräuche einer Maschine zu identifizieren wann ein Maschinenbauteil ausfällt. Predictive Maintenance ist also ein guter Ansatz. Die Vernetzung der Disziplinen schafft auf jeden Fall eine Menge Potenzial. Ein Beispiel sehen wir heute in unserem Produkt Masterpact MTZ, in dem sich alles vereint.

Verändert sich dann auch die Arbeitswelt mit Industrie 4.0?

Siefert: Absolut! Industrie 4.0 ist ein Thema für alle. Dem sollten sich nicht nur Unternehmen annehmen, sondern auch jeder Arbeitnehmer. Die Herausforderung ist für jeden, sich weiter­zubilden. Das fördern wir bei Schneider Electric, wir fordern das aber auch!


Das Video zum Artikel findet ihr hier:

Pin It
Dirk Schaar

About Dirk Schaar

Ich bin seit fast 20 Jahren in Automatisierung und Antriebstechnik unterwegs, weil mich die Technik-Themen immer wieder faszinieren und begeistern. Ich möchte meine Entdeckungen, Erlebnisse und Recherchen gerne mit meinen Lesern teilen - ob online oder in Print - und sie durch ihre Arbeitwelt begleiten. Industrie 4.0 und vernetze Technologien spielen dabei heute und in Zukunft eine wichtige Rolle. Möglichst viele Facetten möchte ich bei SUMMER OF ENGINEERING aufzeigen - informativ, tiefgreifend, spannend, menschlich, lesenswert und charmant.